Geschichte der Bibliothek
Lange Tradition in Speyer

Kirchliche Bibliotheken besitzen in Speyer eine lange Tradition. Berühmt war vor allen die Domkapitelsbibiliothek, die 1689 bei der totalen Zerstörung der Stadt Speyer im Pfalzkrieg Ludwigs XIV. in Flammen aufging. Auch der zweiten Dombibliothek, deren Aufbau zu Beginn des 18. Jahrhunderts mit der Rückkehr des Domkapitels erfolgte, erging es nicht besser. Was nicht zuvor nach Paris deportiert wurde, fiel im Gefolge der Französischen Revolution der Vernichtung anheim.
Parallel zum Aufbau der zweiten Dombibliothek erfolgte zu Beginn des 18. Jahrhunderts in der bischöflichen Residenz zu Bruchsal die Begründung der Bibliothek des Priesterseminars. Über ihre Erstausstattung unterrichten der Entwurf für den „Finis et statuta Episcopalis Spirensis collegii“, die Satzung des Bischöflichen Priesterseminars, sowie die ergänzenden Marginalien Bischof Damian Hugo Philipps von Schönborn (1719 –1743); der Schwerpunkt der gesammelten Literatur lag aus aszetischen, homiletischen und pastoraltheologischen Werken. Schönborn, seit 1713 bereits Kardinal, führte ihr 1735 seine private Bibliothek zu und ergänzte so die Erstaustattung. Der Kauf der Bibliothek des gräflich Wetterauischen Reichstagsgesandten von Pistorius im Jahre 1770 sowie die Aufnahme der Bücher des 1773 aufgehobenen Jesuitenkollegs brachten weiteren, bedeutenden Zuwachs.
Die Folgen der Französischen Revolution setzen diesem kontinuierlichen Wachstum ein Ende: Im Jahre 1804 brachte die Säkularisation auch die Auflösung des Priesterseminars in Bruchsal, die Bibliothek gelangte in den Besitz des badischen Staates. Einiges kam an die Hofbibliothek nach Karlsruhe, anderes an das Staatliche Gymnasium in Bruchsal. Die Hauptmasse der damaligen Bibliothek befindet sich heute in der Bibliothek des Priesterseminars der Erzdiözese Freiburg in St. Peter im Schwarzwald.
Zwar nach der Bibliothek des Gymnasiums am Kaiserdom die zweitälteste Speyerer Bibliothek, kann die Bibliothek des Priesterseminars – anders als ähnliche Kirchen- und Klosterbibliotheken – somit nicht auf eine traditionsreiche Bestandsgeschichte verweisen. Ein genaues Gründungsdatum ist nicht bekannt. Nach der Wiedererrichtung des Bistums Speyer wurde das Priesterseminar von Bischof Martin Manl am 4. November 1827 im Gebäude Große Greifengasse 11 eröffnet, de
m damaligen Eingang zum heutigen Bistumshaus St. Ludwig. Es ist zu vermuten, daß etwa zeitgleich im Priesterseminar auch eine Büchersammlung entstand, die Keimzelle der späteren Bibliothek. Nachweisbar ist diese ab dem Jahre 1830 durch ein handschriftl. Exlibris „Ex Bibliotheca Semin. cleric. Spirensis“. Sie dürfte vornehmlich Werke beherbergt haben, wie sie für die praktische Ausbildung der Seminaristen gebraucht wurden, Bücher zu den Fächern Moral- und Pastoraltheologie, Dogmatik, Katechetik, Liturgik und Homiletik.
An konkreten Nachrichten zur Bibliothek mangelt es aus dieser Zeit, doch läßt ihr heutiger Bestand an Werken des 19. Jahrhunderts einen kontinuierlichen Bestandsaufbau schon in dieser Zeit erkennen. Spätestens zum Beginn des 20. Jahrhunderts besaß das Seminar einen regulären Etat zum Kauf neuer Bücher. Bischof Konrad von Busch erhöhte ihn für das Jahr 1908 von 100 auf 300 Mark. Gleichzeitig behielt er sich gegenüber Regens Peter Diehl aber vor, „um jeder mißbräuchlichen Verwendung der erhöhten Summe vorzubeugen ... daß jedes neue Werk nur mit unserer vorher eingeholten Zustimmung für die Bibliothek erworben werde“. Man hatte noch Zeit, damals, vor hundert Jahren.
Größtenteils wuchs der Bestand der Seminarbibliothek zunächst jedoch aus Vermächtnissen der Geistlichkeit. Wertvolle Zuwendungen kamen von Johann Friedrich Heinrich Schlosser (1780 – 1851; konvertierte 1814 zum katholischen Glauben), dem Geschichtsschreiber der Speyerer Bischöfe und des Bistums: Domkapitular Franz Xaver Remling (1803 – 1873), Pfarrer Johannes Weber (1879 – 1916), Regens Ludwig Andreas Laforet (1808 – 1879), seinem Nachfolger Regens Philipp Dhom (1829 – 1890) sowie dem Verfasser der mehrbändigen Kirchengeschichte der Pfalz: Ludwig Stamer. Um 1980 erhielt die Bibliothek des Priesterseminars auch die Büchersammlung des ehemaligen Jesuiten Damian Hugo Philipp Gaf von und zu Lehrbach (1738 – 1815), des ‚Wohltäters der Speyerer Domkirche‘, die bis dahin als Bibliotheca Lehrbach in der Ordinariatsbibliothek überdauert hatte. Sie umfaßt mehr als tausend Titel des 17. – 19. Jahrhunderts.
Auch eine Sammlung liturgischer Bücher aus dem Mainzer Dom gehört zum Besitz der Seminarbibliothek. Diese waren 1825 von dem bayerischen König Max I. Joseph dem Speyerer Dom zusammen mit verschiedenen liturgischen Geräten ge-schenkt worden. Hier sind sie wohl bis in die 60er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts verblieben, denn Alfons Kloos († 1992), der Bibliothekar des Priesterseminars, verzeichnet diese Werke beim Übergang in die Bibliothek des Priesterseminars als „Inhalt der Kisten im Dom“. Es handelt sich tatsächlich um einen Bücherschatz, teilweise liturgische Handschriften des 18. Jahrhunderts, so das Processionale Romano–moguntinum vom Jahre 1774 aus der 1792 zerstörten Kirche Mariagreden in Mainz, oder die fünf auf Pergament geschriebenen Mainzer Chorbücher aus dem Jahre 1777 in dem außergewöhnlich großen Format von 60 x 40 cm. Sie stammen aus der Mainzer Dombibliothek, die bei der Beschießung der Stadt Mainz 1793 vernichtet wurde, sofern deren Bücher nicht zuvor bereits in Sicherheit gebracht worden waren. Auch die meisten der in der Seminarbibliothek vorhandenen Inkunabeln, Bücher aus der „Wiegenzeit“ des Buchdruckes also (bis 1500), entstammen ehemaligem Mainzer Besitz.
Im ersten der acht Bände des „Cantus gregoriano–moguntinus, breviario romano accomodatus“ aus dem Jahre 1666, ebenfalls dem Geschenk König Max I. Joseph zugeschrieben, findet sich ein unerwartetes Exlibris:

Opera et expensis N. J. (?)Hoffmann Custodis ad Ssos German: et Mauritius Spirae de Ao. 1722. Es handelt sich also um ein Buch aus dem ehemaligen Speyerer Kollegiatstift St. German und Moritz, dem Rechtsnachfolger des 1468 transferierten Stiftes St. German in Campo. Kustos Hoffmann hatte das Werk 1722 auf eigene Kosten für den Gottesdienst erworben. Nach der Zerstörung der Stadt Speyer 1689 waren Kirche und Stifts-gebäude auf dem heutigen Ludwigplatz noch 1744 nicht wieder aufgebaut und wurden 1794 im Zuge der französischen Revolutionskriege endgültig zerstört. Wie das Buch nach Mainz gelangt ist, bleibt unklar.
Es ist nicht das einzige erhaltene Buch aus der Bibliothek des Klosters St. German und Moritz in Speyer. In einer Bibelkonkordanz aus dem Jahre 1663 findet sich folgender handschriftlicher Eintrag:
Nicolaus Collier, Canonicus Capitularis ad Ss Germanum et Mauritium Spirae dedit RR. PP. Minoritis ibidem. 1754
Franziskaner waren seit 1219 in Speyer ansässig. Ihr Kloster, nördlich des Bürgerspitals und unweit des Stiftes St. German und Moritz auf dem heutigen Königsplatz, war wie dieses 1698 dem Stadtbrand zum Opfer gefallen und bis 1735 neu erbaut worden.
Zwei weitere Bücher, wie die vorgenannten Streubesitz aus dem Bestand alter Speyerer Kirchenbibliotheken, halten die Erinnerung an die Jesuiten in Speyer lebendig. Nach der 1773 erfolgten Aufhebung des Ordens war deren Gymnasium in Speyer zunächst von anderen Orden und Weltgeistlichen weitergeführt worden, bis es schließlich 1794, wie das Moritzstift, zerstört wurde. Das Vorhandensein eines Tugendbuches aus der Feder des spanischen Jesuiten Alonso Rodríguez, Exercitium perfectionis et virtutum Christianarum, in der Gymnasialbibliothek der Jesuiten wird niemanden verwundern. Handschriftliche Einträge belegen, daß es, 1628 zunächst für das Jesuitenkolleg Molsheim gekauft, 1764 an das Speyerer Kolleg gelangte. Anders dagegen das zweite Werk, dessen Exlibris und Supralibros belegen, daß es im Jahre 1730 eigens für die Bibliotheca Collegii Societatis Jesu, Spira, angeschafft wurde, die reich bebilderte Alte und neue Grönländische Fischerei und Wallfischfang des Holländers Cornelis Gisbert Zorgdrager aus dem Jahre 1723. Das Interesse an der Geschichte des grönländischen Fisch- und Walfischfanges erklärt sich vermutlich nicht nur aus dem anspruchsvollen Bildungsprogramm der Jesuiten, sondern ebenso aus der zu dieser Zeit in Speyer noch starken und nahe dem damaligen Jesuitenkolleg ansässigen Schiffer- und Fischerzunft.
Auch von der Bibliothek des Bischöflichen Priesterseminars in Bruchsal haben sich einige wenige Werke erhalten. Zu dem 1732 unter Bischof Damian Hugo von Schönborn neu errichteten Seminar gehörte auch eine theologische Studienbibliothek. Die Erstausstattung dieser Bibliothek legte Bischof von Schönborn in Finis et Statuta des Seminares vom gleichen Jahre fest. Drei Jahre später führte er seine Privatbibliothek der Seminarbibliothek zu. Von dieser verblieb mit der Säkularisierung von Seminar und Bistum im Jahre 1802 einiges im Seminargebäude, das weiter als Gymnasium
genutzt wurde. Ihr größter Teil gelangte in die Badische Landesbibliothek Karlsruhe, ein kleiner Teil in die Bibliothek des Priesterseminars St. Peter im Schwarzwald, der Rest wurde verkauft. Der Zweite Weltkrieg hat das, was in Karlsruhe und Bruchsal lag, vernichtet. Drei Bände aus der Schönbornschen Privatbibliothek, die wohl zum Grundbestand der 1827 im Priesterseminar Speyer neu eingerichteten Seminarbibliothek gehörten, entgingen der Vernichtung. Es handelt sich um das Buch De ritibus ecclesiae des französischen Juristen Jean Durant aus dem Jahre 1592, die Elementa philosophica de cive des englischen Philosophen Thomas Hobbes vom Jahre 1647 sowie um ein kleines Konvolut von Schriften des englischen Philosophen Francis Bacon aus dem Jahre 1662–1663. Sie tragen im Innern das Exlibris des Kardinals mit seinem Wappen. Bemerkenswert die Benennung der Bibliothek als Bibliotheca Episcopalis Spirensis, was diese über den Rang einer Seminarbibliothek heraushebt. Wie und wo diese Werke überdauert haben, und wie sie nach Speyer gefunden haben, ist nicht überliefert.
Solche Spuren von und Hinweise auf frühere, untergegangene kirchliche Bibliotheken finden sich noch häufiger im heutigen Bestand der Bibliothek des Priesterseminars, selten allerdings in derart auffälligen Exlibris. Ein reich illustrierte Catholische Mayntzische Bibel aus dem Jahre 1740 birgt einen überraschenden Hinweis. Ihr Besitzer Eusebius Arbogast Schwab hatte beim Erwerb den Namen der Vorbesitzer durchgestrichen, doch nicht so, daß diese mehr zu entziffern wären. Einer dieser Einträge belegt, daß das Werke zuvor dem Domvikar namens Johannes Leonhard Roth gehörte: Joes Leonardus Roth Eccles: Cath. Spir: vicarius. Eine systematische Aufarbeitung des Altbestandes wird sicherlich weitere interessante Hinweise zur Bestandesgeschichte der Bibliothek ergeben.
„Spira fit insignis“, diese Worte aus der Widmung des Codex aureus, des Goldenen Evangelienbuches Kaiser Heinrichs III., möchte man ebenso ausrufen anläßlich des letzten, großen Bücherschatzes für die Bibliothek des Priesterseminars. Es handelt sich um die wohl größte private Sammlung von mehr als 400 Faksimiles mittelalterlicher Handschriften vom 4. bis zum 18. Jahrhundert. Sie stammen aus dem Nachlaß des 1998 verstorbenen Kölner Theologen, Altphilologen und Germanisten Prof. Dr. Johannes Rathofer. Ihm war es auch zu verdanken, daß das Speyerer Evangelienbuch 1995 wenigstens als Faksimile nach Speyer zurückkehrte. Mehr als zehn Jahre intensiver Arbeit hatte Prof. Rathofer dem Codex aureus gewidmet. Diese intensive Beschäftigung und die dadurch entstandenen Kontakte zum Bistum Speyer führten dazu, daß die Faksimilesammlung 1999 für die Bibliothek des Priesterseminars gewonnen werden konnte und dort als „Sammlung Prof. Dr. Johannes Rathofer“ weitergeführt wird.
Nach diesen historischen Streiflichtern sei zum Abschluß ein Rückblick auf die Bestandsentwicklung der Bibliothek erlaubt. Mit dem Neubau des Seminars auf dem Gelände des Germansstiftes 1956 und insbesondere seit der Erweiterung der Bibliothek 1973 setzte im Bistum ein Konzentrationsprozeß ein, der zu einem bedeutenden Anwachsen des Buchbestandes führte, etwa durch Eingliederung der Ordinariatsbibliothek, der Bibliothek des Priesterseminars auf Maria Rosenberg oder zuletzt der Bibliothek des St. Paulusstiftes in Herxheim. Ende 1972 zählte der Bestand knapp 49 Tsd. Bände, bis 1990 hatte er sich mehr als verdoppelt. Gegenwärtig bewahrt die Bibliothek mehr als 200 Tsd. Werke – darunter nun auch Diasammlungen, Spielfilme, elektronische Medien – sowie einen noch nicht bearbeiteten Bestand von ca. 50 Tsd. Titeln.
Stets waren es Geschenke und Nachlässe, die in der Hauptsache den Besitz der Bibliothek mehrten. Doch auch hier hat sich in den letzten Jahrzehnten ein wichtiger Wandel ereignet: Waren es früher vor allem die Geistlichen, welche ihre Bücherschätze der Bibliothek vermachten, so bilden heute Nachlässe und Geschenke aus allen Teilen der Bevölkerung den Großteil des jährlichen Zuwachses, während der letzten zehn Jahre durchschnittlich über 11 Tsd. Bände. Gleichzeitig hat sich auch die Zahl der Ausleihen verdoppelt, gegenüber 1983 – der frühesten Erfassung – sogar mehr als versechsfacht, das alles bei gleichbleibender Personalstärke. Diese Zahlen verdeutlichen einen weiteren Wandel der Bibliothek: Lange schon dient sie nicht nur dem Priesterseminar, längst schon erfüllt sie die Ausgaben einer Diözesanbibliothek.



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