Die "Faksimile-Sammlung-Rathofer"

Codex aureus Widmungsbild

Johannes Rathofer"Professor Dr. Johannes Rathofer verdanken wir nicht nur die Rückkehr des faksimilierten Codex Aureus nach Speyer, sondern darüber hinaus den Besitz seines kostbaren Bucherbes, das er als passionierter Bibliophile für seine einzigartige Bibliothek zusammengetragen hatte, und das nach seinem zu frühen Tod der Diözese zufiel, die wenige Jahre zuvor ein so beraus lebendiges Interesse an 'ihrem' Codex Aureus bekundet hatte."
                 Bischof Dr. Anton Schlembach, Speyer

Die Faksimile-Sammlung Professor Rathofers war, als seine Familie 1998 diesen kostbarsten Teil seines Bucherbes mit umfangreicher, spezifisch ihr zugehöriger Sekundärliteratur der Bibliothek Sankt German übereignete, als die bedeutendste Faksimile-Sammlung in privatem Besitz weitbekannt - eine imaginäre mittelalterliche Bibliothek, in der zusammengetragen ist, was im Mittelalter an zahlreichen weit verstreuten Orten nicht nur Europas dem Erkenntnisinteresse von Gelehrten und Gottessuchern zur Verfügung stand. Eine wahre Schatzkammer von Zimelien verbindet sich mit Schriften profanen Wissens und Reflektierens über die Welt und ihre Zugehörigkeit zum Überzeitlich-Ewigen. Ihre Buchschätze ergänzen einander nicht nur im materiellen Sinn, sondern spiegeln die gegenseitige Verwiesenheit aufeinander in ihren Inhalten wieder - in der Weise eben, in der das Mittelalter die Welt wahrgenommen und verstanden wie auch zu bestehen sich gemüht hat.

Den überragenden Teil der Sammlung machen die Zimelien aus, kostbare Handschriften, die in zahlreichen Buchgattungen die Heilige Schrift überliefern - zum Studium, zum Gebrauch in der Liturgie, zu privatem Gebet: Ihrer besonderen Funktion entspricht eine je wohlüberlegte Gliederung und übersichtlich-kluge, pragmatische Einrichtung. Dennoch spürt der Betrachter, ehe er die verwendungsbezogene Einrichtung dieser Bücher erfassen kann, intuitiv vor allem dies: Die konkrete Zweckbestimmung ist einem höheren Ziel nachgeordnet, jedes dieser Bücher ist vor allem um der Verehrung Gottes willen entstanden - ist Träger des Heiligen selbst, gleichsam "Gefäß", dem eine Dignität zukommt um des heiligen Wortes willen, das es aufnimmt. Staunend verstummt auch der heutige Betrachter vor der Schönheit, die den Handschriften gegeben wurde, vielfach ist sie bis heute erhalten und wird auch in den faksimilierten Codices sichtbar - in grundsätzlich gepflegter Schrift, in der Vielfalt kalligraphischer Hervorhebung des Wortes, die Erhöhung ist, und in der wohldurchdachten und vielfach exakt berechneten Einbettung von Miniaturen in den Text. Das so entstehende Schmuckprogramm der Schriften erweist sich nicht selten als Bedeutungsträger mit anspruchsvollem theologischen Aussagegehalt.

Unter diesen Zimelien sind die Evangeliare unter den Buchgattungen biblischer Überlieferung in Professor Rathofers Faksimile-Sammlung am zahlreichsten - nicht zuletzt deshalb, weil sie bis zum Ende des Mittelalters die bevorzugte Form der Weitergabe der vier Evangelien darstellten. Ihre Anfertigung kann spezifisch um der Vervielfältigung des Evangelientextes willen geschehen sein, eben um seiner Überlieferung willen oder auch für den Gebrauch in der Liturgie erfolgt sein, für das Vorlesen des Evangeliums im Gottesdienst - wie z. B. das Evangeliar, das Heinrich III. dem noch im Bau befindlichen Speyerer Dom stiftete. Solcher Gebrauch wird in der Hervorhebung der Perikopenanfänge kenntlich gemacht, die dem Lektor den Anfang des vorzulesenden Textes in einem herausragenden Grossbuchstaben deutlich anzeigen.
Neben zahlreichen Abschriften von Einzelbüchern der Bibel weist die Sammlung auch Pandekte auf, die die Gesamtüberlieferung der Bibel in einem einzigen gewaltigen Codex bündeln, auch das einzige faksimilierte Exemplar der im Mittelalter höchst seltenen Buchgattung des Neuen Testaments fehlt nicht. Psalterien sind in der Faksimile-Sammlung reichlicher vertreten, ebenso die Johannes-Apokalypsen gesamteuropäischer Herkunft. Umfang und Eindruckskraft der Handschriftengattungen, die der Liturgie dienten, sind so zahlreich, dass sie eine eigene Ausstellung mit stattlichen Exponaten ermöglichen: Sakramentare, Missale, Perikopenbücher, Epistulare, Graduale, Antiphonare, auch ein Matutinalbuch, dazu Kalendare beziehungsweise Martyrologien, die der orientierenden Vorbereitung des Gottesdienstes im Jahreskreis dienten. Die Gruppe der vorhanden Gebet- und Andachtsbücher und das "Stundenbuch", in dessen Gebet Laien sich dem Chorgebet der Mönche und Nonnen anschlossen, gehört in das fortgeschrittene Mittelalter und demonstriert in der Renaissance ein neues Erblühen. Die Hagiographien erweisen sich z.T. als Andachtsbücher, zum anderen Teil als Glaubenszeugnisse, die auch eingehender historischer Überlieferung dienen wollen. Zimelien der Ostkirche sind vertreten, ebenso solche für die Liturgie jüdischer Konfession. Selbst ein Koran-Faksimile gehört der Sammlung an.
Der Säkularanteil der Faksimile-Sammlung Rathofer dürfte ebenfalls das übertreffen, was Fachgelehrte in der Bibliothek eines Lehrers der mittelalterlichen Germanistik erwarten mögen. Erwartungsgemäß sind unter den literarischen Werken Repräsentanten alt- und mittelhochdeutscher Sprache am stärksten vertreten. Es folgen lateinische Klassiker in kunstvoller Nachahmung antiker Originale - als Abschriften des Mittelalters - sowie mittellateinische und altfranzösische Poesie, auch Liederbücher mit Einträgen früher Notensysteme. Mit den Rechtsbüchern mittelhochdeutscher Sprache ist eine weitere Textgruppe zu nennen. Einem Vokabelheft vergleichbar angelegt, ist der Wortlaut der Rechtsnormen je parallel zu ihrer Illustration veranschaulicht. Historiographische Schriften verschiedener regionaler Herkunft und Sprache bezeugen das spezifische Geschichtsbewusstsein ihrer Zeit. Handschriften allgemein kosmologischen Inhalts wie auch naturwissenschaftlicher Gegenstände fehlen nicht: geographische Kartenwerke, Schriften zu Astrologie und Astronomie in wechselseitiger Bezogenheit, Werke zur Kalenderwissenschaft und ihrer Verknüpfung mit liturgischen Kalendern des Kirchenjahres, Werke zur Pflanzenkunde, zur Pharmakologie, medizinische Fachbücher, Bestiarien, enzyklopädische Standardwerke verschiedener disziplinärer Ausrichtung - in Text und Bild, z.T. spätantiken Ursprungs, aber je in mittelalterlicher Kopie. Höfisches Leben ist literarisch präsent wie auch in Fachbüchern zu Jagd und Fischerei, zur Kostüm- und Kleiderordnung, zur Heraldik und in Anleitungen zu Spiel und Unterhaltung.
Die Sammlung Rathofer ist eine Bibliothek, die vom Kosmos des Mittelalters und seinem Leben kündet - eine imaginäre mittelalterliche Bibliothek in Faksimiles.

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