Geschichte der Bibliothek

Bernhard Albin freigestelltJede wissenschaftliche Bibliothek rühmt sich gerne eines hohen Alters, so sie eines hat, gilt dieses doch als Garant für einen kontinuierlich gewachsenen und systematisch aufgebauten Buchbestand sowie für bibliophile Raritäten. Kann sie diese außerdem in Räumlichkeiten präsentieren, die den Anspruch auf Alter und Ehrwürdigkeit auch atmosphärisch unterstreichen, so wirkt sie doppelt attraktiv.
Die Bibliothek St. German besitzt von beidem nichts. Auf historischem Boden errichtet, unmittelbar neben der von Merowingerkönig Dagobert I. gestifteten Germanskapelle, die Fundamente auf massivem Mauerwerk des ehemaligen Germansstiftes ruhend, präsentiert sie sich auch nach der 1974 vorgenommenen Erweiterung als schmuckloser Zweckbau. Gebaut wurde sie in zwei Abschnitten. Der erste Bau aus dem Jahre 1956 diente vor allem als Magazin und war für etwa 70 Tausend Bände berechnet. Der Lesesaal befand sich im Priesterseminar (heute der „Kolpingraum“), die alphabetischen, teilweise noch handschriftlich geführten Kataloge einen Stock darüber in der heutigen als Kapelle. Wollte man ein Buch entleihen, bestellte man dieses beim Bibliothekar im Bibliotheksgebäude gegenüber, der dann das Gewünschte brachte. Erst mit dem Erweiterungsbau von 1974 war der nötige Raum für Kataloge, Lesesaal und Mitarbeiterzimmer in der Bibliothek selbst vorhanden.
Zwar nach der Bibliothek des Gymnasiums am Kaiserdom die zweitälteste Speyerer Bibliothek, kann die Bibliothek des Priesterseminars - anders als ähnliche Kirchen- und Klosterbibliotheken - auch nicht auf eine traditionsreiche Bestandsgeschichte verweisen. Ein genaues Gründungsdatum ist nicht bekannt. Nach der Wiedererrichtung des Bistums Speyer wurde das Priesterseminar von Bischof Martin Manl am 4. November 1827 im Ge­bäude Große Greifengasse 11 eröffnet, dem damaligen Eingang zum ehemaligen Bistumshaus St. Ludwig. Es ist zu vermuten, dass etwa zeitgleich im Priesterseminar auch eine Büchersammlung ent­stand, die Keimzelle der späteren Bibliothek. I PHL L 4 klein
Nachweisbar ist diese ab dem Jahre 1830 durch ein handschriftliches Exlibris „Ex Bibliotheca Semin. cleric. Spirensis“. Sie dürfte vornehmlich Werke beherbergt haben, wie sie für die praktische Ausbildung der Seminaristen gebraucht wurden, Bücher zu den Fächern Moral- und Pastoraltheologie, Dogmatik, Katechetik, Liturgik und Homiletik. 
An konkreten Nachrichten zur Bibliothek mangelt es aus dieser Zeit, doch lässt ihr heutiger Bestand an Werken des 19. Jahrhunderts einen kontinuierlichen Bestands­aufbau schon in dieser Zeit erkennen. Spätestens zum Beginn des 20. Jahrhunderts besaß das Seminar einen regulären Etat zum Kauf neuer Bücher. Bischof Konrad von Busch erhöhte ihn für das Jahr 1908 von 100 auf 300 Mark. Gleichzeitig behielt er sich gegenüber Regens Peter Diehl aber vor, „um jeder mißbräuchlichen Verwendung der erhöhten Summe vorzubeugen ... daß jedes neue Werk nur mit unserer vorher eingeholten Zu­stimmung für die Bibliothek erworben werde“. Man hatte noch Zeit, damals, vor hundert Jahren.